Grüß Gott...

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Brief zum Sonntag
24.10.2021

Der Brief zum Sonntag kommt diese Woche wieder von Vikarin Theresa Wilscek:

Liebe Gemeinde! 

Ich gebe es zu, ich habe da so mein Lieblingsbild von Jesus im Kopf. Ich denke da an den sanftmütigen, friedfertigen Jesus, der sich allen Menschen liebevoll zuwendet. 

Und dann lese ich den Predigttext für den kommenden Sonntag, den 21. Sonntag nach Trinitatis... 

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden. (Mt 10, 34-39) 

Jesus, der nicht den Frieden bringt? Sondern zu Gewalt aufruft? 
Da kommt mein liebstes Jesusbild aber ordentlich ins Wanken. In den Evangelien wird uns eben auch dieses Jesusbild überliefert – der fordernde und radikale Mann. Dieser Mann verschwindet zu oft hinter den liebevollen Jesusbild, das ich oben gezeichnet habe. 

Aber will ich mich diesem anderen Jesus stellen. Ich möchte mich aufrütteln lassen von dem Mann, der auch schon vor 2000 Jahren die Menschen aufgerüttelt hat. In einer Zeit in der Endzeitstimmung in der römischen Provinz Judäa herrschte. Die Juden und Jüdinnen zu Zeit Jesu erwarteten einen Messias, der das Ende der Zeiten einläuten sollte. Und in diesem Licht können auch wir die Worte besser einordnen, denn in einer Endzeitstimmung sind radikale Worte vielleicht eher zu verstehen. Wenn es um Alles oder Nichts geht, dann fällt der eine in Lethargie und sagt: „Es ist doch alles eh egal“ und die Andere stellt radikale Forderungen nach Umkehr: „Jetzt ist noch die letzte Möglichkeit etwas zu ändern!“. Und so sind auch Jesu Worte zu verstehen. Jetzt in der Endzeit gelten nicht die üblichen Kategorien – alles wird auf den Kopf gestellt. Wenn es um Alles oder Nichts geht, dann gelten die „weltlichen“ Kategorien von Familie, Freundschaft und Feindschaft nicht mehr. Jesus fordert die Menschen auf diese Kategorien hinter sich zu lassen und ihm nachzufolgen. Und in seiner Nachfolge werden alle gleich – da zählen keine Verwandtschaftsbeziehungen mehr, keine Feindschaft ist noch ausschlaggebend. 

Nun ja, jetzt befinden wir uns nicht mehr in einer Zeit, in der wir das Ende der Welt erwarten. Aber so wie Jesus damals die Menschen aufgerüttelt hat, will auch ich mich aufrüttelt lassen. Ich habe es mir mit meinem liebsten Jesusbild zu bequem gemacht und zu oft mache ich es mir bequem mit den fertigen Bildern von meinem Nächsten. 


Und da kommen wir für mich zum eigentlichen Kern von Jesu Forderung: 

Es mir nicht zu bequem zu machen in den Kategorien und Schubladen, die in meiner Welt gelten, um damit meinen Nächsten festzulegen. Sondern diese Schubladen immer wieder zu öffnen, um dann zu versuchen das Schubladendenken über Bord zu werden. Und das nicht ein für alle Mal, wie es Jesus in der Endzeitstimmung seiner Zeit gefordert hat, sondern es immer wieder zu versuchen. Denn manchmal komme ich auch nicht umher in Schubladen zu denken in einer sich immer schneller drehenden Welt. Ich brauche sie auch um mich im Hier und Jetzt sortieren zu können und Orientierung zu finden. Aber ich will mich darin üben diese Schubladen immer weniger zu öffnen und meinen Nächsten darin zu verstauen und festzulegen. Und, wenn es nicht klappt vertraue ich auf den Jesus, der sich mir liebevoll zuwendet und mich dazu ermutigt es immer wieder zu versuchen! 

Also lade ich sie ein auch ihre Schubladen im Kopf zu öffnen und sie vom stürmischen Herbstwind durchpusten zu lassen! Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen! 

Ihre Vikarin Theresa Wilcsek