Grüß Gott...

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Brief zum Sonntag
1.8.2021


Liebe Gemeinde!

Stellen Sie sich vor, Sie machen einen Spaziergang hier in Oberhaching hinauf zum Schlagerberg. Dort steht ein Mann, um ihn herum hat sich eine kleine Menschentraube gebildet. Er spricht ziemlich charismatisch und überzeugend. Die Menschen, die sich um ihn versammelt haben, hängen an seinen Lippen. Er scheint am Ende seiner Rede zu sein und sagt: 

„Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ 

In diesem kleinen Gedankenspiel steht Jesus plötzlich hier in Oberhaching und hält seine Bergpredigt nicht auf irgendeinem Berg in Galiläa, sondern auf dem Schlagerberg. Wenn ich bei einem Spaziergang auf diese Szene getroffen wäre, hätte es mich irritiert, wahrscheinlich auch beunruhigt. Vor allem, die Bilder dieses Gleichnisses kämen mir unangebracht vor in diesen Zeiten. Unweigerlich kommen mir bei der Rede von Platzregen und weggespülten Häusern, Bilder aus Nordrhein-Westphalen, Rheinland-Pfalz, aus dem Berchtesgadener Land in den Sinn. 
Auf mich wirken diese Worte geradezu zynisch angesichts der Schicksale und des Leids der Menschen, die all ihr Hab und Gut und ihr Zuhause verloren haben. Haben diese Menschen ihr Leben etwa auf Sand gebaut? Haben sie Gott nicht genug vertraut? Ich kann das nicht glauben! 

Angesichts dieser Katastrophe und anderen Leids in der Welt, stelle ich mir auch immer wieder die Warum-Frage? Warum gibt es Leid in der Welt und warum lässt Gott das zu. Mich lässt diese Frage immer wieder verzweifeln, an Gott zweifeln – der Weltschmerz ergreift mich dann. 
Die Bilder dieses Gleichnisses sind deplatziert in diesen Zeiten, dennoch wurden diese Worte nicht im Jahr 2021 auf dem Schlagerberg gesprochen, sondern in einer ganz anderen Zeit. Zwischen den Zeilen dieses Bildes stecken Anfragen, die zeitlos sind. Die sich Menschen im Galiläa des ersten Jahrhunderts, sowie wir uns im Jahr 2021 hier in Oberhaching stellen: 

Worauf baue ich? Was sind meine Sicherheiten im Leben? 

Oft verbinde ich Sicherheit mit Festhalten - Kontrolle. Aber gerade auch angesichts der Naturkatastrophe, merke ich, dass ich eben auch manches nicht festhalten kann. In FestHALTen, steckt auch das Wort „Halt“. Neben all dem Positiven und der Verlässlichkeit des Wortes „Halt“, steht es eben auch für etwas Statisches, Unbewegliches. Die Sicherheit im Sinne des Fest-Haltens endet irgendwann in einer Sackgasse. Denn manchmal im Leben, in tiefer Verzweiflung, gibt es nichts zum Festhalten, keine Sicherheiten mehr. Und dann kommt wieder die Warum-Frage ins Spiel: Warum ich? Warum trifft mich dieses Schicksal? Und ich merke die Warum-Frage, ist eigentlich auch nur Variante des Fest-Halten-Wollens, denn sie möchte erklären und festhalten, was einfach nicht erklärbar ist. Mit der Warum-Frage lande ich in einer Sackgasse. 

Aber dennoch stelle ich mir die Frage und ich „werfe sie Gott an den Kopf“. Ich klage ihn an mit Jesu Worten am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, Warum hast du mich verlassen?“. 
 
Und manchmal dann löst sich etwas, nicht im Sinne eine Lösungsantwort, sondern ein anderes Gefühl stellt sich ein – Vertrauen. Ein Vertrauen, dass auch durch die dunklen Stunden im Leben trägt. Und dabei ist es kein Vertrauen, dass alles Traurige und Verzweifelte wegschiebt, sondern eines, das in alldem, Hoffnung schenkt. 

„Ich möchte Hoffnung haben für mich und meine Welt, die auch in dunklen Tagen die Zukunft offen hält“ (Evangelisches Gesangbuch, Lied 622). 

Diese Zeilen drücken für mich aus, was es bedeutet zu glauben: 

Sich im Leben nicht auf das Fest-Halten von Sicherheiten zu konzentrieren, um dann immer wieder eine Sackgasse zu gelangen. Sondern darauf zu vertrauen und zu hoffen, dass es für mich immer wieder einen Neuanfang, Zukunft gibt. Und ja, gerade in dunklen und verzweifelten Stunden ist es ein Wagnis, trotz allem zu Vertrauen. Aber es ist Gott, der uns das immer und wieder zutraut. Ich glaube Gott ist nicht nur einer, auf den wir vertrauen können und der uns in diesem Vertrauen Ruhe schenkt, sondern einer der uns auch immer wieder herausfordert und auch beunruhigt. Aber auf Gottes Zutrauen kann ich bauen, es ist zwar kein statisches, festes Fundament, wie ich es mir manchmal wünschen würde, aber es gibt mir die Flexibilität in allem Hoffnung zu finden. 

Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen!

Ihre Vikarin Theresa Wilcsek