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Brief zum Sonntag
13.6.2021

Liebe Gemeinde!

Im Predigttext für diesen Sonntag (1. Brief des Paulus an die Korinther, Kap. 14, 1-12) geht es ums Zungenreden.
Das Zungenreden – also die für Zuhörer unverständliche Artikulation von Wortsilben, zuweilen vermischt mit ekstatischen Elementen –, das sich in den ersten christlichen Gemeinden einer gewissen Anerkennung und Beliebtheit erfreute, ist aus unseren Gemeinden weitgehend verschwunden und würde sicherlich Unverständnis hervorrufen. Zu finden ist es heutzutage noch in charismatischen Gruppen und in Pfingstgemeinden.
Was soll also dieser Predigttext? Was hat der Gegensatz zwischen Zungenrede und prophetischer Rede mit uns zu tun? Mit uns als Gemeinde, mit uns als Einzelnen?
Nun ja, ich denke, da liegt der Schlüssel in dem Satz: Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden.
Es geht schlicht und einfach darum: die gute Botschaft, die muss verständlich weitergegeben werden – also so, dass sie alle verstehen.
Zungenreden ist da nun einfach nur ein Beispiel für eine extreme Weise, religiös zu sprechen – für uns kann sie hier im Predigttext quasi das Symbol sein, das Symbol dafür, dass heute die Botschaft Jesu Christi auch oft nicht verstanden wird. Dass es nicht leicht ist, sie weiterzusagen. Denn was uns vertraut ist, was wir kennen, ist für andere völlig fremd. 
Von Paulus können wir uns da einiges abschauen. 
Paulus lag sehr am Herzen , die gute Botschaft Jesu Christi weiterzusagen; die Botschaft, dass Gott bei uns ist, dass Gott uns liebt und dass wir auch mit all unseren Fehlern Gottes Kinder sind.
Paulus war sich dieses Evangeliums so sicher, dass er es auf ganz verschiedene Weise weitersagen konnte. Eben immer je nachdem, mit wem er es zu tun hatte. 
Das Evangelium selbst ist nicht davon abhängig, wie es verkündigt wird. Es bleibt immer gleich. Wie bei einem Rad, wo die Speichen sich rasend schnell drehen können, die Mitte aber immer ruhig bleibt. 
Aber wir Menschen sind davon abhängig, damit in Berührung zu kommen. Wir brauchen einen Anknüpfungspunkt.  Paulus hat das gut gekonnt. 
Paulus war offensichtlich jemand, der sich wirklich auf andere einlassen konnte. Für ihn war es wichtig, das Evangelium weiterzugeben. Für dieses Ziel hat er seinen eigenen Zugang zum Evangelium, seine eigene Meinung erst einmal hintan gestellt; er hat zuerst geschaut, mit wem er es zu tun hat und wie er bei diesem Menschen anknüpfen könnte.
Das ist ja nun eine Kunst, die nicht nur für die Verkündigung des Evangeliums wichtig ist. Sie ist wichtig für uns alle im Umgang miteinander.

Denn wir kommen einfach nicht weiter miteinander, wenn wir immer nur von uns selbst ausgehen.
Es entsteht keine Verbindung zu anderen Menschen, wenn wir die anderen nur von unserer eigenen Warte aus und von unserem eigenen Standpunkt aus betrachten und beurteilen.
In jedem Menschen steckt so viel; so viele verschiedene Seiten, so viel Lebensgeschichte, so viele Gefühle, dass ein Urteil über einen anderen letztlich immer vorschnell ist.
Also: Anknüpfen müssen wir, uns wirklich einlassen auf die anderen, auf den, auf die mit der ich es gerade zu tun habe.

Dann können wir als Gemeinschaft von ganz unterschiedlichen Menschen das Evangelium, die gute Botschaft Gottes leben und genießen.

Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen!
Ihre Pfarrerin Irene Geiger-Schaller