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Brief zum Sonntag
18.4.2021
Misericordias Domini - Hirtensonntag

Liebe Gemeinde 

Immer, wenn es Frühling wird“, so hieß es einmal in einem Streiflicht der Süddeutschen Zeitung, „erwacht  im Menschen die uralte Sehnsucht nach dem Hirtenleben. Bei den Besitzern größerer Herden werden junge Leute vorstellig, die ihr Studium aufgeben möchten, um lieber Schafe zu hüten. Sie träumen von einem naturbelassenen Leben an der frischen Luft unter dem Schlapphut und der Pelerine. Die Tiere weiden friedlich, ein gehorsamer Hund wartet nur darauf, beim geringsten Wink die Irrenden zurückzuholen. Mit seiner Schippe am Stab wirft der gute Hirte gelegentlich etwas Erde auf die Nachzügler, so dass die Herde zur nächsten saftigen Weide zieht. Dann greift der Schäfer zu seiner Hirtenflöte und schreibt seiner Liebsten ein anakreontisches Gedicht.“ Und so weiter. Ziemlich ironisch wird hier eine bestimmte Vorstellung vom Hirtenleben auf den Arm genommen. Eine Vorstellung, die wir vielleicht unterschiedlich stark haben, die aber doch da ist in den Hinterköpfen.

Das Bild vom Hirten und seiner Herde zieht sich durch viele Schriften der Bibel. Es ist auch das Bild, das die ersten Christen vor allem übernommen haben. In den Katakomben in Rom, den unterirdischen Begräbnisstätten der Christen, findet man keine Darstellung von Jesus am Kreuz. Dafür umso mehr Bilder vom guten Hirten. Doch hat der Hirte, der in der Bibel und auch in den Darstellungen der ersten Christen vorkommt, wenig zu tun mit dem romantischen Hirten, der in dem Zeitungsartikel auf die Schippe genommen worden ist.

Der Hirte lässt sein Leben für die Schafe, heißt es bei Johannes. Wenn der Wolf kommt, dann muss er die Schafe beschützen - das kann lebensgefährlich werden. Diese Worte beschreiben die rauhe Wirklichkeit des Hirtenlebens. Heute muss ein Hirte ums finanzielle Überleben kämpfen, er muss seine Schafe gegen alle möglichen umweltbedingten Seuchen schützen, und muss zusehen, dass er überhaupt noch freie Weideplätze auftreibt. Zu Jesu Zeiten war das Hirtenleben auch kein Zuckerschlecken. Räuber und wilde Tiere bedrohten die Herden, Trockenheit bedrohte die Weiden, und auch damals hatten die Hirten durchaus ums Überleben zu kämpfen. 

Der Hirte der Bibel ist also nicht der blumenumkränzte Schäfer der Rokokozeit. Er ist auch nicht ein weiser Mann, der gütig dreinschaut und in Würde seinen Hirtenstab hält. Der gute Hirte der Bibel ist einer, der mit seiner Herde einiges durchmacht.  Einer, der trotz Schwierigkeiten bei seinen Schafen bleibt; einer, der sie gegen Gefahren schützt. Einer, der einiges auf sich nimmt für seine Schafe. 

Wir tun uns heute mit dem Hirten-Herde-Bild nicht so leicht  – Denn neben der romantischen Vorstellung vom Hirtenleben hat ja das Bild auch immer noch einen anderen komischen Beigeschmack. Schafe gelten gemeinhin als dumm – obwohl sie das wohl in Wirklichkeit nicht sind – und als Schafe wollen wir ja nun eigentlich nicht bezeichnet werden. So ist dieses Bild etwas in Verruf geraten, vor allem dann, wenn es um die Beschreibung einer Kirchengemeinde geht. Der Pfarrer und seine Schäfchen – das ist eigentlich eher ein Spottbild für die Kirche geworden….

Doch Bilder sind eben nie ganz genau Stück für Stück zu übertragen. Bilder verdeutlichen immer einen bestimmten Aspekt. Das Bild vom Hirten und den Schafen in der Bibel will keine Hierarchie beschrieben und hat auch nichts mit großem Hirten und dummen Schäfchen zu tun. Es zeigt uns vielmehr, wie lebenswichtig es ist, dass wir füreinander Verantwortung übernehmen. 

Und so passt es eben doch als Bild dafür, wie wir als Gemeinde miteinander leben. In einer Kirchengemeinde mit sehr unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Interessen. Da kann niemand einen ganz eigenen Weg gehen. Wenn Gemeinde miteinander leben will, da ist es notwendig, aufeinander zu achten und auch füreinander Verantwortung zu übernehmen. Wobei das wiederum sehr unterschiedlich aussehen kann – je nachdem eben, was ich als Gemeindemitglied für Voraussetzungen und Begabungen habe – aber auch, in welcher Situation ich mich gerade befinde.

Als Gemeinde müssen wir nichts schaffen. Als Gemeinde sind wir einfach nur da. Unsere Gemeinde ist die Gemeinschaft von Menschen, die sich im Glauben an Gott zusammen finden, die gemeinsam Gott feiern und die eben füreinander da sind.

Wenn wir also zum Bild des Hirten und der Herde zurückkommen, dann sind wir alle Hirten und Herde, je nachdem, was wir gerade tun oder wie es uns gerade geht.
Die Gemeinde bietet Halt und Ruhe und die Liebe Gottes. Doch sind wir frei, jede Position einmal einzunehmen. Die des Hirten, der sich um die anderen kümmert – an welcher Stelle und in welcher Funktion auch immer; die der Schäfchen, die sich einfach fallen lassen in die Fürsorge, die einfach einmal annehmen, dass ihnen etwas Gutes getan wird.
Oder auch die des einen Schäfchens, das auch mal Abstand braucht und sich die Sache aus einer anderen Perspektive anschaut. 

Wir sind die Gemeinde. Wer auch immer wir sind, wo auch immer wir gerade sind und wie auch immer es uns gerade geht. Wir gehören zusammen in der Liebe Gottes, wir sind füreinander da, doch wir müssen nichts schaffen.

Denn Gott ist immer für uns da, als der eigentliche Hirte, als der, der uns im Blick hat. In seiner Liebe finden wir uns zusammen.

Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen!
Ihre Pfarrerin Irene Geiger-Schaller