Brief zum Sonntag

Sonntag Kantate
15.5.2022

Liebe Gemeinde!

„was ziehe ich nur an?“ – So beginnt der Tag für sehr viel Menschen hier bei uns.
In bestimmten Altersgruppen ist das sogar eine existenzielle Frage, die jeden Morgen gelöst werden muss – denn wenn man das Falsche an hat, könnte es sein, dass der Tag schief geht.
Zeitschriften haben selbstverständlich einen großen Teil, der sich mit der Mode beschäftigt und es schwirrt einem der Kopf bei der Vorstellung, so oft den eigenen Kleiderschrank neu einrichten zu müssen, wenn man wirklich auf dem Laufenden bleiben will.
Ich will keineswegs sagen, dass es unwichtig ist, was man anhat. Ob es immer die neueste Mode sein muss, sei dahingestellt, aber wohl fühlen sollte man sich mit dem, was man anzieht.
Doch den Raum, den das „Richtige Outfit“ in unserem modernen Leben eingenommen hat, den finde ich nun doch etwas zu groß. 
Beherrschend sollte das Thema nicht werden, doch für viele ist es das.
Manche unterziehen sich einer Radikalkur – sie lassen sich beraten und umstylen. Und dann sagen sie: Ich bin ein neuer Mensch geworden!
Dieser Satz kommt auch in der Bibel vor – und zwar im Zusammenhang mit der Taufe. Durch die Taufe, sagt Paulus, werden wir zu neuen Menschen. Den alten Menschen legen wir ab. Und zwar dadurch – und hier sind wir im Bereich der Kleidung – dass wir Christus anziehen.
Von daher kommt übrigens der Brauch des Taufkleides - sozusagen das neue Gewand, das wir durch die Taufe anziehen.
Auf die Worte des Paulus nimmt der Verfasser des Briefes Bezug, der an die Gemeinde in Kolossä gerichtet ist.
In Kolossä haben sich sogenannte Irrlehrer eingeschlichen, die die Gemeinde verwirren. In dem Brief wird die Gemeinde ermahnt, sich an die Grundlagen zu halten und sich dem christlichen Glauben gemäß zu verhalten. Und da heißt es in Bezug auf den neuen Menschen:
„Nun aber legt alles ab von euch: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde;
belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.
„So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftheit und Geduld.
Und ertrage einer den anderen und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.
Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. (Kol 3,12-17)

In den Worten des Kolosserbriefes wird auch mit Vorher-nachher-Bildern gearbeitet. Vor der Taufe – nach der Taufe. Oder sagen wir: bevor ich mich Gott öffne – und danach.  Doch zu diesen Vorher-nachher Bildern braucht man keine teuren Typberater. Allerdings ist es nicht ganz einfach, die neuen Kleider anzuziehen.  Ablegen sollen wir: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, schandbare Worte aus eurem Munde….  Und anziehen sollen wir:  herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftheit und Geduld.
Ojeoje – wer soll denn das schaffen…
Der Verfasser des Kolosserbriefs sieht das aber auch sehr realistisch, denn es heißt weiter: 
Und ertrage einer den anderen! 
Es ist also durchaus klar, dass es nicht immer ganz einfach ist, in Sanftmut miteinander umzugehen. Wir sind einfach sehr verschiedene Menschen und haben verschiedene Lebenserfahrungen und Lebensvorstellungen. Wir halten unterschiedliche Sachen für richtig und ein großer Teil unseres Lebens besteht darin, uns über den richtigen Weg auseinanderzusetzen. Gerade in einer Kirchengemeinde ist dies ja nun ganz besonders deutlich. Denn hier ist noch einer der wenigen Orte, in der verschiedene Generationen an einem Strang ziehen wollen. Doch gerade das bringt natürlich auch viel Auseinandersetzung mit sich. Was erhalten wir von früher – was machen wir neu – das sind die täglichen Fragen, mit denen wir uns hier beschäftigen. Und es gibt sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Das macht es natürlich auch gerade spannend, interessant und lebhaft – aber nicht immer geht es ganz ohne Streit oder Verletzungen ab. Und das obwohl wir alle getauft sind. 
So ganz geschützt sind wir also nicht davor, dass wir uns streiten. Doch ist es im Großen und Ganzen doch immer noch ein bisschen anders als anderswo. Denn die Auseinandersetzung kommt ja oft daher, dass es uns eben allen mit unseren unterschiedlichen Meinungen wichtig ist, wie unsere Gemeinde lebt. Dass wir alle mit unseren Herzen dabei sind – das macht die Auseinandersetzung leidenschaftlich. Und trotzdem, würde ich sagen, ist es eine Auseinandersetzung im neuen Gewand – und zwar dadurch, dass wir immer wieder darauf zurückkommen, worum es uns eigentlich geht: den Glauben an Gott lebendig und miteinander in unserer Gemeinschaft zu leben – so, dass wir auch für andere da sein können. Gerade in dieser Zeit erleben wir ja wieder, wie wichtig das ist. 
In den Worten unseres Textes ist das so ausgedrückt: „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“
Es mag sein, dass uns die Kleider der Sanftmut, der Geduld und Freundlichkeit manchmal nicht passen. Dass sie ein bisschen herumschlottern, weil wir sie nicht ganz ausfüllen. 
Doch trotzdem können wir die Kleider anbehalten. Denn sie sind zusammengehalten durch das Band der Liebe. 
Die Kleider müssen wir uns nicht selber kaufen. Wir müssen nicht danach jagen wie nach den besonders günstigen Schnäppchen.
Diese Kleider werden uns geschenkt – durch Gott.
In die geschenkten Kleider müssen wir nur hineinfinden. Immer wieder neu. Das Band der Liebe, das können wir einfach leben. In unserer Gemeinschaft. Im gemeinsamen Handeln, Beten und – Singen. Kantate!

Ich wünsche Ihnen von Herzen Gottes Segen!  

Ihre Pfarrerin Irene Geiger-Schaller